Deutsche Shanties und ihr Platz im seemännischen Liedgut
Seit dem Beginn der Aufzeichnungen deutschen maritimen Liedgutes hält sich hartnäckig die Meinung, dass es keine (bzw. nur zwei oder drei) echte deutsche Shanties gäbe. Aber kann das wirklich so sein? Zweifel dürfen angebracht sein.
Und das führt zu der Frage, welche Voraussetzungen eigentlich gegeben seien müssen, damit überhaupt ein Lied als „Deutscher Shanty“ klassifiziert werden kann.
1. Was gilt überhaupt als Shanty?
Auf den Segelschiffen wurden zum Arbeiten schon seit Jahrhunderten Lieder gesungen, die die Arbeit unterstützensollten, z.B. durch den Rhythmus, durch Konzentration auf einen Zeitmoment oder um eine lang andauernde eintönige Arbeit angenehmer zu gestalten.
Einige dieser Lieder wurden extra dafür von den Shantymen erdacht, viele auch aus Kirchenhymnen oder Folksongs entlehnt. In Amerika schließlich wurden FieldHoller und Arbeitsgesänge der Sklaven adaptiert und teilweise mit anderen Rhythmen und Texten unterlegt.
Schließlich gibt es auch Lieder, die ausschließlich zur Unterhaltung an Bord gesungen wurden. Dies sind im engeren Sinn keine Shanties sondern Forebitters oder Seasongs. Für diese Lieder fällt mir bestenfalls als adäquater deutscher Begriff „Seemannslied“ ein, trifft es meiner Meinung nach aber nicht wirklich.
2. Liedtext in deutscher Sprache
Das ist auf jeden Fall eine Voraussetzung zur Einordnung. Aber es gibt viele Lieder, die einfach Übersetzungen aus anderen Sprachen oder Neutextungen z.B. amerikanischer Shanties sind (z.B. Maghellan oder De Runner vun Hamburg).
3. Die Melodie muss deutschen Ursprungs sein?
Da Deutschland im geschichtlichen Sinn ein eher junger Staat ist, greift dies zu kurz. Auch eine Ausdehnung auf den Verbreitungsraum der deutschen Sprache hilft nicht wirklich weiter. Grund dafür ist zum einen, dass das Gebiet „Deutschland“ – inmitten Europas liegend – schon immer von verschiedensten Kulturen bereist, erobert oder belagert worden ist (Römer, Schweden, Kelten, Franzosen etc…). Ein reger internationaler Handel (Hanse, Fugger) brachte zudem auch viele neue kulturelle Einflüsse mit sich, und ebenso war es mit den Reisen der Musiker – seien es die Wandermusikanten in den Tavernen und bei Hochzeiten oder die bekannten klassischen Musiker und Komponisten auf ihren Reisen zu Königen und Fürsten gewesen – alle haben auf ihren Wegen begierig neue Melodien und Rhythmen gesammelt und in ihre Kompositionen einfließen lassen.
Manch ein Shanty, der schon Mitte des 19. Jahrhunderts in deutscher Sprache – oder auch in Platt - gesungen wurde, stammte eigentlich von einem amerikanischen oder englischen Arbeitsgesang ab. Wo also ist die Grenze zu ziehen?
Ich habe daher für mich entschieden, auch solche eigentlich anderssprachigen Lieder, die schon seit ca. 150 Jahren mit einem deutschen Text gesungen werden und textlich eindeutig deutsche Bezüge aufweisen, als deutschen Shanty einzuordnen. (vice versa wurde es auch so gemacht, wie ich später zeigen werde)
4. Das Volkslied als Quelle deutschsprachiger Musik
Der Begriff Volkslied steht in der Kritik, bezeichnet er doch eher rührselige Liedchen (es waren die „Schlager“ von früher) und wurde von Johann Gottfried Herder 1770 erfunden.
Zitat: „Ursprünglich verbreiteten sich die Lieder nur mündlich. Sie wurden „zurechtgesungen“ wie auch „umgesungen“ oder absichtlich „zersungen“. Die „populären Lieder“ waren stets auf Wanderschaft, nahmen in unterschiedlichen Regionen unterschiedliche Gestalt an. Herders erstes Festhalten der Volkslieder in schriftlicher Form bedachte allerdings nur die Texte. Und auch die Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn von Brentano und Arnim enthält viele Verse, aber keine einzige Note. Die Lieder aller Völker – was für eine schöne Utopie! Sie sollten – nach Herders Prämisse – „auf Straßen und Gassen und Fischmärkten, im ungelernten Rundgesange des Landvolkes aufgeschrieben werden, und zwar in der Ursprache und mit genugsamer Erklärung, ungeschminkt und unverspottet so wie unverschönt und unveredelt“.“ (aus „Das Volkslied?“ von Stefan Sell / veröffentlicht 14. Dezember 2021 in „Crescendo“)
Das was man normalerweise als „Volkslied“ bezeichnet, sind tatsächlich zu einem großen Teil Kompositionen des 18. Jahrhunderts – und keine Überlieferungen (was dann auch eher traditioneller Folk wäre).
Schließlich wurden etliche tatsächlich überlieferte Lieder „entschärft“ und teilweise bis zur Unkenntlichkeit umgetextet und umarrangiert, so dass von der einstmals rauhen, rüden, frivolen, anzüglichen, angreifenden oder auch politischen Aussage der Lieder nichts mehr übrig blieb.
Dies geschah übrigens auch mit vielen englischen Shanties, die Ende des 19. oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Liedforschern aufgeschrieben und dann in einer entschärften Version dem geneigten Bildungsbürgertum in den Städten als „Fliegende Blätter“, in Buchform oder als Revue angedient wurden.
Dennoch soll der Begriff Volkslied hier weiter verwendet werden, umfasst in meinen Betrachtungen aber sowohl die „neu komponierten“ Musikstücke als auch tatsächlich mündlich oder schriftlich überlieferte Lieder.
Übrigens wurde manches Lied dieser alten Tage seinerzeit sogar zu einem „Pop-Song“ (wie man heute sagen würde), manchmal sogar weltweit – und das nicht nur an Bord.
5. Das Volkslied als Shanty
Die deutsche Flotte an Großseglern (Shanties im engen Sinn wurden eigentlich nur auf dieser Art Schiff gesungen – im Zeitraum von ca. 1830 bis 1910) war eher überschaubar. Deutschland war keine „Seemacht“ – weder im kaufmännischen noch im militärischen Sinn. Dies waren vor allem England, USA, Portugal, die Niederlande, Frankreich und – wenn auch untergeordnet - Spanien. Von daher gab es mangels Anzahl von deutschen Schiffen nicht viele Möglichkeiten, eine eigene „Shantykultur“ zu etablieren. Auf deutschen Schiffen gab es fast ausschließlich deutsche Besatzungen. Und Verunglimpfungen des Eigners, des Kapitäns oder seiner Offiziere war ebenso wenig gestattet wie das Beklagen schlechter Verhältnisse an Bord. Daher wurden auf deutschen Schiffen kaum englischsprachige Shanties gesungen – gleich ob im Original oder mit einer deutschen Übersetzung.
Fuhren deutsche Seeleute auf Schiffen anderer Nationen, so trafen sie dort auf Mannschaften, die aus allen Ländern der Welt stammten. Die dort vorherrschende Sprache war ein wildes Gemisch aus Englisch, Polynesisch, Holländisch und allen möglichen anderen Sprachenfetzen, man nannte es „Pidgin“.
Zum einen schnappten die deutschen Seeleute auf diesen Schiffen neue Lieder auf und brachten sie dann zurück nach Hause, zum anderen sangen sie aber auch ihre eigenen Lieder, die sie aus der Heimat kannten oder die sie auf anderen Fahrten und Schiffen an Bord gesungen hatten.
Während in England tatsächlich viele „Shanties“ von Shantymen zu eben diesem Zweck erdacht wurden, sangen die deutschen Seeleute eher die Lieder, die sie seit Kindheit kannten – Volkslieder. Und sie wandelten sie in Rhythmus Geschwindigkeit ab, damit sie als Arbeitslied funktionierten.
Da den alten überlieferten Melodien aber eine gewisse Kraft und Tiefe innewohnt, fanden auch englische und amerikanische Shantymen an manchen Liedern Gefallen und übernahmen sie – mit ihren eigenen neuen englischen Texten – in ihr Shanty Repertoire und verbreiteten diese Lieder weltweit. Und manchmal blieben sogar kurze Textfetzen der deutschen Vorlage erhalten.
Hier liegt unser Schatz an deutschen Shanties. Und wie Piraten wollen wir uns nun auf die Suche machen und die Perlen finden. Es ist eine andere Sichtweise dazu erforderlich. Und nein, es sind keine Lieder dabei wie „Alabama John Cherokee“ oder „John Kanaka“. Aber andere Lieder mit einem zwar ganz eigenen, aber dafür ebenso wunderbaren Charakter.
6. In die Ferne – und wieder zurück
Zum ersten Mal darauf gestoßen bin ich während einer Autofahrt, als ich im Stau stand. Ich hörte Shanties, die ich mir von diversen CDs auf einen Stick kopiert hatte. Dann kam ein Stück, dass ich bereits mehrfach gehört hatte – von der New Yorker Frauen Shantyband Johnson Girls – „The Priest and the Nuns“.
Mir kam dieses Lied immer schon sehr vertraut vor. Nun, da ich dort im Stau stand und Zeit hatte, richtete sich meine Aufmerksamkeit auf den Text. Der war zwar in Englisch, ich kannte aber die dahinter stehende Bedeutung schon lange und hatte das Lied bei den DeutschFolk Bands Liederjan und Zupfgeigenhansel bereits vor Jahrzehnten gehört. Und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren – das was die Johnson Girls da singen ist ein altes deutsches Volkslied – Der Mönch und die Nonne.
Dieses Lied gibt es im ganzen deutschen Sprachraum in unterschiedlichsten Versionen – eine vertonte „Folk Geschichte“ über die verbotenen Liebschaften derer mit Keuschheitsgelöbnis.
Auch bekannt unter „Es war ein Mönch im Oberland“, „Mönch und Nonnenkloster“ u.s.w.
Allerdings hatten die Johnson Girls einen schicken Rhythmus daruntergelegt.
Das Lied hat den Weg gemacht von deutschen Seeleuten auf amerikanische Schiffe. Die Melodie gefiel den Amerikanern wohl, und als sie dann von den Deutschen erzählt bekamen, um was es da geht, gefiel ihnen das Lied um so mehr. Schließlich wurde es von Frederick Pease Harlow, der 1920 das Buch „Making of a Sailor“ herausbrachte, in einem zweiten Buch in englischer Sprache verewigt: Chanteying on the Akbar, von dem 1948 nur eine Ausgabe veröffentlicht wurde. Es dauerte dann bis 1962, als eine neue Ausgabe unter dem Titel Chanteying Aboard American Ships erschien. Frederick Pease Harlow hatte die Shanties während seiner Zeiten als amerikanischer Seemann (ab 1870) kennengelernt.
Das Lied wurde wohl als Windlass oder Capstan Shanty gesungen. Im etwas getragener gesungenen deutschen Lied kann es sehr wohl auch als Pumpshanty gesungen worden sein.
Und nun ist dieses Lied – als Shantyversion – wieder nach Hause gekommen und gehört in der Textversion „Es war ein Mönch im Oberland“ zu meinem Maritim Folk Programm.
Leider gibt es so gut wie keine Aufzeichnungen über das Singen von Shanties, Arbeitsliedern oder anderen Gesängen an Bord deutscher Schiffe – weshalb sollte man extra erwähnen, dass die Männer Volkslieder singen – und schon gar nicht welche. Gerade weil die Originaltexte gesungen wurden gab es ja keinen Grund, diese erneut aufzuschreiben – anders als bei den englischsprachigen Shanties.
7. Was darf man denn mit Shanties machen?
Nun singe ich dieses Lied wieder in deutscher Sprache – allerdings eine etwas andere textliche (deutsche) Version als die der Johnson Girls und der Buchvorlage. Ist das nun ein Sakrileg? Ist das ein Fehler? Ich behaupte für mich: Nein. Die Shantymen an Bord waren immer frei darin, Texte und Melodien zu verändern. Die Texte schon allein deshalb, um „neue“ Witze und Geschichten zu erzählen und dadurch weiterhin interessant zu bleiben. Die Musik musste sich zwangsläufig dem Arbeitsrhythmus anpassen. Spontaneität war noch nie verboten und manchmal hat man sich auch ganz einfach nicht so genau daran erinnert, was man irgendwann irgendwo (vielleicht auch in einer Hafenbar nach einigen Getränken) mal gehört hat. Und? Schlimm? Nein, denn die Shanty-Kultur bestand ja gerade nicht darin, museal-wissenschaftlich genau einen Stand zu beschreiben und für die Nachwelt zu konservieren. Das machen wir eher heute, wenn darüber diskutiert wird, welche Voraussetzungen nun genau gegeben seien müssen, damit ein Lied auch als Shanty bezeichnet werden darf. Aber heute ist der Shanty auch nicht mehr Gegenstand der täglichen Arbeitswelt (von Seeleuten) – und Tall Ships gibt es fast nur noch in Museumshäfen oder als Schulungs- oder Repräsentationsschiffe.
Wenn man es genau nimmt, dann wurden Shanties damals bei der Arbeit mehr gebrüllt als gesungen – niemand hat sich Gedanken um Melodieführung und 2., 3. oder 4. Stimmen gemacht. Manchmal dauerte ein Shanty auch nur ein paar Sekunden – wenn nur ein kräftiger gemeinsamer Zug an einem Tau erforderlich war. Shanties wurden nicht von Frauen gesungen (weil keine seemännisch arbeitenden Frauen an Bord waren). Shanties wurden nur bei der Arbeit gesungen – eben weil es Arbeitslieder waren. Shanties wurden nicht in der Freizeit und nicht an Land gesungen. Nur in dem Moment, da das Lied zur Arbeit gesungen wurde, war es ein Shanty. Und wer wollte sich schon die wenige Freizeit mit Liedern versauen, die einen unmittelbar an die Arbeit erinnerten?
Außerhalb der „Shanty-Zeiten“ – gleich ob an Bord oder in den Hafentavernen – wurden andere Lieder gesungen, sogenannte „Forebitters“ (an Bord) oder Seasongs, meist Lieder über die Heimat, die Liebschaften, das Leben an Bord, das Preisen der Männlichkeit (Saufen, Huren, Prügeln) und eben auch Volkslieder und Folksongs. Und heute wird dieses gesamte maritime Liedgut - Shanties, Forebitters, Seasongs und artverwandte Lieder – als „Maritime Folk“ bezeichnet.
Ausdrücklich keine Shanties und kein Maritime Folk in diesem Sinn sind jedoch Schlagerlieder oder volkstümliche Kompositionen mit maritimem Flair – wie zum Beispiel die Interpretationen von Lolita, Freddy Quinn, Margot Eskens oder Hans Albers. Dies ist eine eigene Schlagerwelt, die aber mit Seefahrt, den realen Umständen an Bord und den Gefahren auf See wenig bis gar nichts zu tun hat.
Vielen Dank an alle, die bei der Erstellung behilflich waren, genannt seien hier vor allem Kornelia „Conny“ Beckmann, Chris Koldewey und Axel Richter.
Inhaltliche Informationen wurden auch aus „Meine Welt der Shanties“ (Fred Winkel), „Rolling Home“ (Udo Brozio/Manfred Mittelstedt) und „Shanties from the Seven Seas“ (Stan Hugill) entnommen.
Fundorte von Liedern:
„Shanties from the Seven Seas“ (Stan Hugill)
www.volksliederarchiv.de (Michael Zachcial)
Arbeit und Rhythmus (Karl Bücher)
Das Deutsche Arbeitslied (Joseph Schopp)
Knurrhahn I und II (Sikorski Verlag)
Shanties (Hinstorf)
www.youtube.com/@traditionalseashanty (Jerzy Brzezinski)
(Text ©: Gunnar Wiegand
8. Traditionelle deutschsprachige Lieder, die auch als Shanties, maritime Arbeitsgesänge oder Seasongs gesungen wurden
Ach Schiffmann lieber Schiffmann (O, Shipman, O, Shipman)
Alle Mann, so!
Das Sampenmädchen (ähnlich: Wem ham´se de Krone jeklaut / alter Egerländer Bauernwalzer)
De Bäckergang
De Kock
De Runner vun Hamburg (Roll the Cotton Down)
Die gute alte Brigg (norwegisch)
Ein Jäger längs des Weihers ging
Es gingen drei Mädchen (schwedisch)
Es wohnt ein Müller an jenem Teich
Frisch auf, alle Mann an Deck
Hamburg, Du schöne Stadt
Hamburger Veermaster (Banks of the Sacramento)
Heia hebei, hebei (Treidelgesang, Bomätscher Lied)
Hia hobb, bis an Knobb (Treidelgesang, Bomätscher Lied)
Hier kumm her, noch emoal (Treidelgesang, Bomätscher Lied)
Hi-i bei-i ho-o-beii (Treidelgesang)
Hiss em up horrooh, Jolly
Ho! He! Zieh an und lichte dich
Maghellan (englisch)
Saalhund
Tauch an, Tauch an (Treidellied, Donau)
Uam lua, faat an!
Wat we doht (Un wenn wi mol noh Hamburg kommt - Hurrah, hurrah, hurrah)
Zwei lederne Strümpf (Treidelgesang)
Diese Liste ist gewiss nicht abgeschlossen. Wer auch immer Hinweise auf weitere deutsche Lieder findet, die vielleicht einmal als Shanty oder Forebitter gesungen wurden, der möge sich bitte mit mir in Verbindung setzen: guwi@gunnar-wiegand.de.
Dazu gehören auch (und vielleicht gerade) Lieder in englischer Sprache, die ihren Ursprung im deutschen Liedgut haben.
Text (c): Gunnar Wiegand